
Grenzsituationen sind mit Karl Jaspers ein wesentliches Moment des menschlichen Daseins. Es sind Erfahrungen, in denen gewohnte Problemlösungsverfahren, Denkmuster und Orientierungsmöglichkeiten und bisweilen auch menschliches Sprachvermögen, versagen. Das daraus erfolgende Zurückgeworfensein auf die eigene Endlichkeit und physische Verfasstheit birgt gleichzeitig auch die Möglichzeit einer Transformation von Subjekten und/oder Gesellschaften. Als Momente dessen, was am Rande des Menschlichen erfahrbar ist, verweisen Grenzsituationen implizit auf die Grenzen gesellschaftlicher und individueller Rationalität, und dergestalt rückt durch diese Phänomene insbesondere Emotionalität in den Vordergrund.
Erfahrungen wie Liebe, Angst und Trauer stellen eben solche Grenzphänomene dar. Sie erscheinen aus literaturwissenschaftlicher und linguistischer Perspektive besonders relevant, weil hier die wechselseitige Verschränkung von Sprachlichkeit und Emotionalität besonders deutlich wird. Von Interesse ist hierbei unter anderem, wie Grenzerfahrungen verarbeitet und mitgeteilt sowie ästhetisch dargestellt und damit vermittelt werden können, und welche Wirkungen dadurch ausgelöst werden.
Im Fokus der Tagung soll die Wechselwirkung und gegenseitige Bedingtheit von Sprachlichkeit und Emotion stehen, insbesondere auch das Spannungsverhältnis zwischen konventionalisierten und/oder ritualisierten sprachlichen Formen und der Unmittelbarkeit der emotionalen Grenzerfahrung. In diesem Zusammenhang lassen sich folgende grundlegende Fragen formulieren: Existieren Emotionen ohne Sprache? Wie wird Sprache von Emotionen geprägt? Wie können Emotionen durch Sprache zum Ausdruck gebracht werden?
Liebe als emotionales Grenzphänomen stellt insofern ein Paradoxon dar, als die in der Liebe erfahrene Selbstentäußerung sowohl Lust als auch Leid, Freude oder Schmerz erzeugen kann. Das Überwältigende dieses Gefühls wird in Abhängigkeit von kulturellen und historischen Rahmenbedingungen positiv oder negativ gewertet, wobei Liebe zwischen Erfüllung und Aufschub oszilliert.
In den Beiträgen könnte es z. B. um folgende Aspekte gehen:
Trauer als emotionales Grenzphänomen kann als Auseinandersetzung mit einem Verlust verstanden werden. Sie bewegt sich zwischen Schmerz und Ohnmacht, Wut und Hilflosigkeit, zwischen Vergangenheit und (genommener) Zukunft. Was betrauert werden darf und wie getrauert werden soll, ist dabei kulturell bedingt.
In den Beiträgen könnte es z. B. um folgende Aspekte gehen:
Angst als emotionales Grenzphänomen ist eine Reaktion auf eine fundamentale Bedrohung der eigenen Existenz, sei sie subjektiv empfunden oder objektiv gegeben. Die Angsterfahrung befindet sich im Spannungsfeld zwischen diffus-chronisch und gerichtet-punktuell. Gesellschaftlich kodiert ist dabei die Frage, wovor man Angst haben kann und muss, und wie damit umgegangen wird.
Die Tagung richtet sich in erster Linie an DoktorandInnen und Postdocs. Besonders willkommen sind Beiträge, die thematisch und methodologisch disziplinübergreifend angelegt sind und an der Schnittstelle von Sprache und Literatur arbeiten.
Abstracts (max. 300 Wörter in Pdf- oder Word-Format) zu einem 20-minütigen Vortrag können bis zum 15. Juli 2009 mit dem Betreff Abstract Emotionale Grenzgänge an folgende Mailadresse gesandt werden:
languagetalks2@lrz.uni-muenchen.de
Die BewerberInnen werden bis zum 1. August 2009 verständigt.
Zu beachtende Bewerbungsformalia für den Abstract: